|

Märchen begleiten unser ganzes Leben. Schon von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter sind sie uns präsent. Sie entstehen (entstanden) aus der Phantasie, formen neue Wirklichkeiten, kennen weder Zeit noch Raum, sind also grenzenlos; wie der menschliche Genius auch.
Das Märchen als Metapher ist aber auch das Medium, oder besser gesagt, das Vehikel, mit dem menschliches Verhalten, seine Emotionen, Gefühlszustände und Handlungsweisen erklärt und beschrieben werden können. Zuneigung, Liebe, Treue, Freundschaft, aber auch Hass, Neid, Zorn, Rachsucht, bis hin zu Mord und Todschlag lassen sich im Märchen trefflich beschreiben, ohne dass uns diese „Wirklichkeit“ persönlich trifft, es ist und bleibt doch immer nur ein Märchen…, - ein Produkt der Fantasie.
 |
Während Märchen in der kindlichen Entwicklung eine erklärende, beschreibende Funktion einnehmen, bekommen sie in der Altenbetreuung einen völlig anderen, neuen Stellenwert.
Dem Kinde dienen sie, abstrakte Begriffe, die unser Leben und unsere Wirklichkeit beeinflussen und prägen, wie beispielsweise - das Gute und das Böse zu verstehen und zu verinnerlichen. Im Alter jedoch ermöglichen sie Seelenzustände aus dem Innersten hervorzukehren und tragen so zu einer hohen sozialhygienischen Lebensqualität der alten Menschen bei.
| Bild: http://www.bielefeld.de/de/bz/hee/sehen/maerchen.html |
|
|
Kurz gesagt: In der Kindheit tragen Märchen Lebenswahrheiten ins Innere des Menschen, im Alter bringen sie daraus Lebensweisheiten hervor.
In der Altenbetreuung sind sie der zwanglose Schlüssel zum Ich. Jener Schlüssel, der es ermöglicht, Reflexion über das vergangene Leben zuzulassen und damit längst verdrängte Ereignisse, Erfahrungen und Verhaltensweisen, egal ob gute oder schlechte, tief aus der Seele hervorzuholen, sie in eine neue Wirklichkeit zu transformieren, bewusst oder unbewusst neu zu interpretieren und damit möglicherweise zu einem versöhnlichen Ende zu bringen.
Es ist eine hervorragende Möglichkeit, am Ende des Lebens mit dem vergangenen Leben ins Reine zu kommen.
Dabei geht es nicht darum, den pflegebedürftigen Menschen Märchen vorzulesen um ihnen die Zeit zu vertreiben. Nein, es gilt aktiv Märchen als „Lebensgeschichten“ mit ihnen - einzeln oder in der Gruppe - aus ihrem eigenen, reichen Erfahrungsschatz zu „erarbeiten“, zu erspielen und so ihre Seelen, ihre Fantasien, konkret zu erreichen. Dabei spielt der körperliche und geistige Zustand der alten Menschen eine eher untergeordnete Rolle, d.h. diese Arbeit ist in nahezu jedem physischen und psychischen Lebensstadium möglich.
Um diese humane Innovation an die Pflegebedürftigen heran zu bringen, bedarf es so genannter „Pflege-Animateure“, die den „Stein“ ins Rollen bringen. Unsere Erfahrung zeigt: Ist erst einmal der Bann gebrochen, gibt es kein Halten mehr.
|